Eine Bildserie über geteilte Erfahrung: Bindung, Struktur, Übergang
Warum ähneln sich menschliche Erfahrungen über Zeiten, Kulturen und Biografien hinweg?
Warum tauchen Momente von Bindung, Verlust, Angst, Entscheidung oder Transformation immer wieder auf – als würden unterschiedliche Leben denselben Linien folgen?
Diese Frage begleitet die Menschheit seit Jahrhunderten. Immer wieder wurde versucht zu verstehen, warum bestimmte Formen des Erlebens überindividuell wiederkehren. In der Psychologie beschrieb Carl Gustav Jung archetypische Bilder des menschlichen Geistes – Figuren und Situationen, die in Träumen, Mythen und Geschichten immer wieder auftauchen. Erich Neumann deutete solche Bilder als Ausdruck grundlegender Entwicklungsprozesse: Abhängigkeit, Trennung, Selbstwerdung. Spätere Ansätze, etwa bei Harry T. Hunt, verstanden diese Wiederkehr weniger als festes Inventar von Symbolen, sondern als eine archetypische Imagination – als wiederkehrende Weise, Erfahrung in Bilder zu übersetzen.
Auch außerhalb der Psychologie wurde diese Frage verfolgt. Claude Lévi-Strauss erkannte in Mythen weniger einzelne Geschichten als vielmehr wiederkehrende Denkstrukturen, mit denen Menschen Gegensätze wie Leben und Tod, Natur und Kultur oder Ordnung und Chaos verarbeiten. Victor Turner beschrieb Übergänge und Schwellenmomente als zentrale Erfahrungsräume menschlicher Existenz – Momente, die Kulturen durch Rituale und symbolische Formen auffangen, um sie verständlich und bewältigbar zu machen.
In all diesen Perspektiven erscheint die Wiederkehr menschlicher Erfahrung als etwas, das über das einzelne Leben hinausweist – als Ausdruck tiefer liegender Strukturen, Bilder oder kultureller Formen.
Und doch bleibt eine grundlegende Frage offen:
Entstehen diese Ähnlichkeiten, weil solche Strukturen bereits existieren —
oder entstehen sie erst, wenn Menschen beginnen, ihre Erfahrungen zu ordnen und zu verstehen?
Vielleicht lässt sich diese Frage nicht eindeutig trennen.
Menschen bewegen sich durch die Welt mit ähnlichen Voraussetzungen: vergleichbaren Körpern, ähnlichen Wahrnehmungssystemen und ähnlichen Formen der Orientierung. Gleichzeitig entwickeln sie Strategien, um ihre Erfahrungen zu deuten – sie unterscheiden, strukturieren, erinnern, erzählen.
Universalität entsteht möglicherweise genau dort, wo etwas Vorgegebenes auf etwas Entstehendes trifft:
in der Art, wie Menschen mit ähnlichen Werkzeugen durch ähnliche Situationen navigieren.
Aus dieser Navigation entstehen Strukturen.
Sie geben Orientierung, machen Erfahrungen verständlich und erlauben es, Übergänge, Krisen und Entscheidungen einzuordnen
Die Bilder dieser Serie bewegen sich in diesem Spannungsfeld.
Köpfe werden getrennt, Körper tragen ihr eigenes Bild, Räume wirken wie Schwellen. Die Figuren erscheinen reduziert und austauschbar – weniger als Individuen als Träger gemeinsamer Navigationsformen.
Ultra Umbram – jenseits der Schatten – bezeichnet daher keinen Ort hinter einer verborgenen Dunkelheit.
Der Titel verweist auf eine Perspektive, die Universalität weder als vollständig vorgegeben noch als vollständig konstruiert versteht.
Vielmehr entsteht sie in der Interaktion von Voraussetzungen und Navigation: in der Art, wie Menschen mit ähnlichen Wahrnehmungen, Körpern und Erfahrungen durch die Welt gehen – und mit vergleichbaren Mitteln versuchen, sie zu verstehen.
Die Bilder dieser Serie untersuchen genau diesen Raum.
Nicht als Sammlung universeller Symbole, sondern als Darstellung jener Prozesse, durch die Menschen mit ähnlichen Werkzeugen durch ähnliche Situationen navigieren – und dadurch immer wieder vergleichbare Formen des Erlebens hervorbringen